Natürlich hatte ich schon von jenem neuartigen Corona-Virus gehört, das da von China aus unterwegs war und inzwischen zum Beispiel Italien erreicht hatte. Trotzdem konnte ich die etwas unentspannte Stimmung nur bedingt verstehen, als ich Anfang März zu einer längeren Fortbildung in Pullach war – das liegt am Stadtrand von München. „Okay“, habe ich gedacht, „München ist eine Großstadt mit vielen Menschen auf engem Raum und liegt ja auch dichter an Italien – aber Donnerstag (12. März) bin ich wieder in meinem entspannt-norddeutschen Wagenfeld und gehe natürlich am Montag (16. März) ins Weserstadion zum Spiel gegen Leverkusen.“ Denkste! Gottesdienst (Abendmahl mit Einzelkelchen) zuletzt am 15. März und dann erst wieder heute (10. Mai), aber ohne Gemeindegesang und vor allem ohne Konfirmation! Und ein wirkliches Ende der Einschränkungen ist nicht abzusehen. Das tut schon weh. Doch wir müssen damit zurecht kommen. So  erproben wir Neues, Andachten und Gottesdienste im Internet. Freudig überrascht merken wir, wie viele Menschen das wahrnehmen und positiv darauf reagieren. Trotzdem bin und bleibe ich ein Kind des analogen Zeitalters und freue mich auf die Zeit, in der wir wieder „richtig“ Gottesdienst feiern können – ohne Abstandsregel und Mundschutz, mit gemeinsamem Gesang. Dass es bis dahin wohl noch Monate dauern wird, ist mir bewusst.  Auch sehne ich mich danach, die Menschen, die mir wirklich etwas bedeuten, mit einer Umarmung zu begrüßen zu dürfen. Vor allem aber hoffe ich, dass so viele von uns wie möglich etwas mitnehmen von der Aufmerksamkeit füreinander und der Rücksicht aufeinander, die in dieser Zeit gewachsen sind. Ich hoffe, dass wir die anderen „Großbaustellen“ dieser Welt nicht aus dem Auge verlieren: Das Klima etwa oder die Armut in großen Teilen der Erde. Ich hoffe, dass wir Wichtiges und Unwichtiges besser unterscheiden lernen und dass wir in Zukunft den Streit der Meinungen, der zur Demokratie gehört, wieder schätzen – in gegenseitigem Respekt und ohne Raum für Hass und Hetze.

Michael Steinmeyer