Schwestern und Brüder,

gut, dass ihr hier seid – jetzt! Mit diesen Worten habe ich meine bisher letzte Predigt vor knapp zwei Monaten beendet; mit diesen Worten soll die heutige Predigt beginnen, nachdem wir endlich wieder Gottesdienst feiern dürfen: Gut, dass ihr hier seid – jetzt! Gut, dass wir miteinander an die denken können, die jetzt nicht hier sind, die uns fehlen!

„Kind, du bist uns anvertraut“, singen wir gelegentlich bei Taufen. „Wozu werden wir dich bringen? Wenn du deine Wege gehst, wessen Lieder wirst du singen?“ Wie ich jetzt ausgerechnet darauf komme? Zu denen, die fehlen, gehören die 18 Konfis, die heute eigentlich „Ja“ zu ihrer Taufe sagen und sich Gottes Segen zusprechen lassen wollten – am vergangenen Sonntag wären es 14 gewesen.  Und ich hoffe, ihr nehmt es mir nicht übel: So sehr ich mich freue, euch zu sehen – es tut mir weh, dass diese jungen Leute jetzt nicht da drüben sitzen; diese jungen Menschen, die uns anvertraut waren und sind. Es tut mir weh, dass wir heute nicht mit ihnen, mit den Eltern, den Patinnen und Paten, den Teamerinnen und Teamern den vorläufigen Abschluss des gemeinsamen Weges seit dem Beginn der Konfizeit feiern können. Es tut mir weh, obwohl ich weiß: Aufgeschoben ist nicht aufgehoben.

Und noch eins weiß ich: Was für die Konfis gilt, das gilt für uns alle. Denn dass Menschen Verantwortung füreinander übernehmen, das hört ja nicht mit der Konfirmation plötzlich auf. Darum bin ich überzeugt: Wir als Gemeinde der Getauften – und da dürfen sich auch die angesprochen fühlen, die vielleicht noch nicht getauft sind – sind einander anvertraut, tragen Verantwortung füreinander und für diese Welt. Darum: Wessen Lieder werden wir singen? Welche Melodie, welchen Rhythmus, welchen Text wird unser Lebenslied haben?

Zunächst und vor allem wünsche ich uns, dass uns die Töne nicht ausgehen; dass wir immer einen Weg finden, unsere Freude, unsere Trauer, unser Glück, unsere Angst zu zeigen, auszudrücken, mitzuteilen. Ihr versteht schon: Das geht natürlich auch anders als mit Singen und muss im Moment eben anders gehen; aber das Singen ist, finde ich, ein schönes Bild dafür. Dann wünsche ich uns, dass uns die Zuhörerinnen und Zuhörer nicht ausgehen; dass es Menschen gibt, die wahrnehmen, was uns bewegt, und die Zeit haben, das mit uns zu teilen, mit uns zu lachen und zu weinen, uns Mut zu machen und uns zu trösten.

Ich hoffe und wünsche uns aber auch, dass wir uns nicht verführen lassen von denen, die uns verführen wollen, böse Lieder zu singen. „Wo man singt, da lass dich ruhig nieder. Böse Menschen haben keine Lieder“, sagt ein Sprichwort. Leider stimmt das nicht; und dies Wochenende erinnert uns daran. Heute, am 10. Mai, ist der Tag des freien Buches – ins Leben gerufen zum Gedenken an die Verbrennung unliebsamer Bücher durch die Nazis am 10. Mai 1933 – da waren sie gerade mal ein Vierteljahr an der Macht; vorgestern, am 8. Mai haben wir erinnert an das Ende der Naziherrschaft vor 75 Jahren, an den Tag der Befreiung. Von 1933 bis zum 8. Mai 1945 wurden ungezählte Menschen eingesperrt und umgebracht, nur weil sie Juden waren oder weil sie anders dachten und redeten, als die Regierung es wollte – und das nicht nur in Deutschland, sondern in vielen Ländern Europas, die vom faschistischen Deutschland überfallen worden waren. Allein hätten Adolf Hitler und seine Partei das natürlich nicht geschafft – viele, viel zu viele Menschen sind ihnen gefolgt und haben in Wort und Tat das Lied mitgesungen von den wertvollen und den weniger wertvollen Völkern; das Lied von Hass und Gewalt. Auch Christen waren dabei – Menschen, die getauft und konfirmiert waren so wie wir; Menschen, die es eigentlich besser hätten wissen müssen. Diesen Menschen hat bei der Auswahl ihres Lebensliedes vielleicht die Erfahrung gefehlt, die in 2. Chr 5 so geschildert wird:

Da versammelte Salomo alle Ältesten Israels, alle Häupter der Stämme und die Fürsten der Sippen Israels in Jerusalem, damit sie die Lade des Bundes des Herrn hinaufbrächten aus der Stadt Davids, das ist Zion. Und es versammelten sich beim König alle Männer Israels zum Fest, das im siebenten Monat ist. Und es kamen alle Ältesten Israels, und die Leviten hoben die Lade auf und brachten sie hinauf samt der Stiftshütte und allem heiligen Gerät, das in der Stiftshütte war; es brachten sie hinauf die Priester und Leviten.

Und alle Leviten, die Sänger waren, nämlich Asaf, Heman und Jedutun und ihre Söhne und Brüder, angetan mit feiner Leinwand, standen östlich vom Altar mit Zimbeln, Psaltern und Harfen und bei ihnen hundertzwanzig Priester, die mit Trompeten bliesen. Und es war, als wäre es einer, der trompetete und sänge, als hörte man eine Stimme loben und danken dem Herrn. Und als sich die Stimme der Trompeten, Zimbeln und Saitenspiele erhob und man den Herrn lobte: »Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig«, da wurde das Haus erfüllt mit einer Wolke, als das Haus des Herrn, sodass die Priester nicht zum Dienst hinzutreten konnten wegen der Wolke; denn die Herrlichkeit des Herrn erfüllte das Haus Gottes.

Schwestern und Brüder, wenn ich da jetzt alle Hintergründe erklären wollte, dann gäbe das allein schon eine komplette Predigt. Darum nur ganz kurz: Erzählt wird hier von der Einweihung des Tempels in Jerusalem. Die Lade ist der Kasten, der die Steintafeln mit den Zehn Geboten enthält – aufbewahrt seit der Wanderung des Volkes Israel durch die Wüste nach der Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten. Und was in der Übersetzung nach Martin Luther „Stiftshütte“ heißt, ist das Heilige Zelt, das Zelt der Begegnung. Dort soll die Lade mit den Gebotstafeln seit der Wüstenzeit aufbewahrt worden sein, bis sie jetzt im Tempel ein vermeintlich endgültiges Zuhause bekommt.

Tempelweihe – ein großes Fest, natürlich. Ganz Jerusalem ist auf den Beinen. Und was wäre so ein Fest ohne Musik. Singende Leviten und 120 Priester mit Trompeten. Und obwohl es so viele sind, klingt es wie eine Stimme, wie ein Instrument. Das ist aber nicht einem besonders cleveren und erfahrenen Tontechniker zu verdanken – es ist Gott, der das bewirkt. Damit nicht genug: Eine Wolke erfüllt den Tempel und macht es den Priestern unmöglich, ihren Dienst am Altar anzutreten. Auch da ist keine besonders leistungsstarke Nebelmaschine am Werk; sondern in der Wolke verhüllt sich Gottes Herrlichkeit. Das wichtigste aber: Die da singen und spielen, besingen nicht ihre eigene Größe, Macht und Überlegenheit. Sie besingen noch nicht einmal Gottes Größe, Macht und Überlegenheit. Sondern sie besingen Gottes Güte und Barmherzigkeit. Sie besingen, dass es Gott natürlich um sein Volk Israel geht – gerade dadurch und darüber hinaus aber um alle Menschen und um seine ganze Schöpfung. Gerade darin besteht ja Gottes Größe. Und indem sie von Gottes Güte und Barmherzigkeit singen und spielen, werden sie zum Resonanzraum dafür. Das machen sie nicht selbst; das geschieht ihnen, weil Gott es wirkt.

Das ist es, was wir Begeisterung nennen: Wenn ich zum Resonanzraum werde für das, was mit mir geschieht – durch Musik etwa. Nun lehrt uns aber gerade die Zeit, die vor 75 Jahren zu Ende gegangen ist: Begeisterung ist mit Vorsicht zu genießen. Auch böse Lieder können Begeisterung wecken. Lässt sich das unterscheiden? Kann ich als Christ erkennen, ob ich es mit einem guten oder mit einem bösen Lied zu tun habe? Egal ist es jedenfalls, mit welcher musikalischen Stilrichtung ich es zu tun habe. Viel eher kommt es darauf an: Was oder wer wird denn da eigentlich besungen? Die Lieder bei der Einweihung des Tempels; die Lieder, mit denen die Jüngerinnen und Jünger Jesu Furore machen – sie besingen Gottes Güte und Barmherzigkeit.Und auch wenn ein Lied nicht religiös ist, kann und sollte ich doch danach fragen: Wovon und wofür singt es? Ruft es zum Hass auf; beleidigt, beschimpft, verspottet es Menschen wegen ihrer Herkunft, ihrer Hautfarbe, ihres Glaubens, ihrer sexuellen Identität oder wegen eines Handicaps? Dann hat es auf meiner Playlist nichts zu suchen. Oder lädt es ein zur Liebe, zum Miteinander, zum Respekt vor der Vielfalt und Vielstimmigkeit des menschlichen Lebens? Dann sollte es drauf bleiben.

Noch im Februar haben ein paar von uns aus Wagenfeld und Ströhen zusammen mit über tausend anderen Menschen gesungen von Martin Luther King, dem amerikanischen Pastor und Bürgerrechtler, der 1968 ermordet wurde. Er it dafür eingetreten, dass Menschen verschiedener Hautfarbe dennoch Menschen mit gleichen Rechten sind – in seinem Land, den USA, und überall auf der Welt. Er hat daran festgehalten: Weiße sind nicht mehr wert als Schwarze. Wenn wir in dieses Lied einstimmen wollten, müsste unser Text heißen: Deutsche sind nicht mehr wert als Türken oder als Russen. Oder auch: Christen sind nicht mehr wert als Muslime oder als Juden. Martin Luther King ist aber noch einen Schritt weiter gegangen: Gottes Güte und Barmherzigkeit gelten auch denen, die tatsächlich meinen, Weiße seien mehr wert als Schwarze. Gott will die nicht vernichten; Gott will sie für das Gute gewinnen. Davon zu singen, war ein begeisterndes Erlebnis. Und seit ich weiß, dass die weiteren Aufführungen ab Mitte März auf unbestimmte Zeit verschoben sind, bin ich umso  dankbarer dafür und zehre davon, Teil dieses vielstimmigen Chors gewesen zu sein.

Apropos „vielstimmig“: Im Tempel von Jerusalem soll es damals geklungen haben wie eine Stimme, wie ein Instrument. Das wird wohl schön und beeindruckend gewesen sein; ich aber kann auch dem Miteinander verschiedener Stimmen viel abgewinnen. Das klingt manchmal etwas schräg, nicht nur beim Singen: Da sagt der eine Virologe dies, der andere jenes; da fordert die Bundeskanzlerin diese Maßnahme und ein Ministerpräsident jene. Ja, das kommt uns manchmal dissonant vor und ist es auch. Aber gute Musik lebt eben auch von harmonischen Spannungen; und Demokratie lebt vom Streit der Meinungen. Demokratie, die wir doch so nötig brauchen wie die Luft zum Atmen.

Schwestern und Brüder, kaum jemand von uns wird es zu solcher Berühmtheit bringen wie der König Salomo oder Martin Luther King. Aber auch wenn wir hier und heute nicht singen dürfen, können und sollen wir doch das Lied von Gottes Güte und Barmherzigkeit zu unserem Lebenslied werden lassen. Uns davon begeistern und zum Resonanzraum dafür machen lassen. Dazu helfe uns Gott!