Liebe Leserinnen und Leser!
Im September geschieht viel in unseren Kirchengemeinden: endlich die Konfirmationen – und ebenso – nicht ganz so herbeigesehnt, aber sinnvoll und wichtig: die Visitationen. Unser Superintendent Marten Lensch besucht uns. Er schaut, was und wer hier so aktiv ist und wie es in den Kirchengemeinden Ströhen und Wagenfeld so läuft. Was wird er sehen?
Ich hoffe nicht, dass er in die Worte des Propheten Haggai einstimmt und mit dem Monatsspruch für September sagt:

Ihr sät viel und bringt wenig ein; ihr esst und werdet doch nicht satt;
ihr trinkt und bleibt doch durstig; ihr kleidet euch, und keinem wird warm;

und wer Geld verdient, der legt’s in einen löchrigen Beutel. Haggai 1,6
Sehr ermutigend klingen diese Sätze wirklich nicht. Klar, dass jede/r mal die Erfahrung macht: Ich habe viel gesät – ich habe mich so sehr eingesetzt – für die Kirchengemeinde oder für meine Kinder – oder gelernt für die Prüfung – und trotzdem war das Ergebnis enttäuschend. Doch dass alles so zerrinnt und sich nichts Positives entwickelt, wir frieren müssen und jegliche Ersparnis verloren geht – das erleben wir hier in unserem Land – in unseren Gemeinden nicht – „Gott sei Dank“!  Warum war der Prophet so frustriert?
Er lebte im Jahr 520 vor Jesus. Sein Land hatte im Krieg gegen die Babylonier verloren. Viele Judäer wurden in das Land Babylon verschleppt, in das sogenannte babylonische Exil. Sie fragten sich: „Was haben wir getan, dass wir so etwas Furchtbares erleben müssen? Ist das vielleicht eine Strafe Gottes? Aber warum?“ Sie dachten über ihr Leben nach und stellten fest: „Wenn wir ehrlich sind, müssen wir zugeben: Wir haben uns weder fair noch liebevoll verhalten. Wir haben nicht nach Gottes Willen gefragt, sondern zugesehen, dass wir jeweils unseren Vorteil hatten. Also müssen diese Niederlage und die Zerstörung des Tempels wohl eine Strafe Gottes sein.“
Doch nach 60 Jahren durften die Verschleppten wieder heimkehren in ihre Heimat.
Was würde sie da erwarten? Trümmer und Frust? Wären sie inzwischen Fremde geworden? Die Zuhausegebliebenen hatten inzwischen ihre Häuser wieder aufgebaut, aber der Tempel – das Haus Gottes – war noch zerstört. Wie würden sie miteinander klarkommen?
Einfach wird es gewiss nicht werden – so wie es auch heute im Miteinander unter uns Menschen nicht immer einfach ist – ganz gleich, ob sie in Wagenfeld oder Ströhen wohnen.
Der Prophet sieht, wie sehr die Menschen an den materiellen Dingen hängen. Er warnt: „Wenn ihr euch darauf beschränkt, dann wird euer Leben leer und kalt, ihr bleibt durstig und das Geld zerrinnt zwischen euren Fingen wie Sand. Also schafft euch wieder eine geistliche Heimat. Baut den Tempel wieder auf. Lasst Gott bei euch wohnen. Wenn ihr nur auf euren Besitz, auf Sachen und Dinge achtet, dann werdet ihr keinen Frieden und keine Zufriedenheit finden. Gebt Gott einen festen Platz in eurem Leben und seid füreinander da, denn das ist Gottes Wille und Auftrag für euch.“
– Und wie ist das bei uns heute? Einen Tempel brauchen wir nicht neu errichten – wir haben zwei sehr schöne Kirchen. Aber geben wir Gott einen festen Platz in unserem Leben? Welchen Raum hat Gott bei dir?
Ich bin gespannt, was wir bei der Visitation miteinander entdecken werden.

Gesegnete Tage wünscht Ihnen und Euch
Edith Steinmeyer