An der Wand in meinem Arbeitszimmer hängt in diesem Jahr ein besonderer Kalender. Her-ausgegeben hat ihn das Evangelisch-Lutherische Missionswerk in Niedersachsen (ELM). Er hat nicht zwölf Blätter, sondern 22. Drei Wochen auf einem Blatt. Das ergibt einen Kalender über 14 Monate: Vom Reformationstag 2015 bis Silvester 2016. Alle stehen unter einem Motto, das mit den Worten beginnt: „Wir sind so frei . . .“

Wir sind so frei, miteinander zu beten. Damit fängt es an. Wenn dieser „Wegweiser“ er¬scheint, liegen drei Wochen hinter uns, in denen wir tatsächlich mit den Geschwistern beten konnten, die von der Bibelschule Baboua (Zentralafrikanische Republik) zu Gast bei uns wa¬ren. Aber auch jetzt, nach ihrer Abreise, beten wir über die Entfernung hinweg nicht nur für-, sondern auch miteinander. So sieht es der Partnerschaftsvertrag vor: Das informierte Beten für- und miteinander gehört zu den Kernpunkten unserer Partnerschaft. Wir sind so frei, mit¬einander zu beten. Jede Familie beim Tischgebet, jede Gemeinde im Gottesdienst nutzt diese Freiheit, von Gott geschenkt. Und wo die Menschenrechte respektiert werden, schützt auch der Staat diese Freiheit.

Wir sind so frei, Macht miteinander zu teilen. Wann wird es so weit sein, dass ihre Bedürf-nisse im Mittelpunkt stehen, wenn die Spielregeln für Handel und Wandel in der Welt festge-legt werden: Die Bedürfnisse der Kleinbauern in Peru; der Landbewohnerinnen in Afrika; der Menschen auf den Inseln, die vom steigenden Meeresspiegel bedroht sind; der alleinerziehen-den Mütter? Wann wird es so weit sein, dass ihre Bedürfnisse im Mittelpunkt stehen, ohne dass die einen gegen die anderen ausgespielt werden? Christenmenschen und Kirchen sind so frei, auf diesem Weg ein Stück voranzugehen.

Wir sind so frei, zu lieben, wo gehasst wird. Fast drei Jahre Bürgerkrieg liegen hinter der Zentralafrikanischen Republik – dem Land, aus dem die Schwestern und Brüder für drei Wo-chen zu uns gereist sind. Versöhnung fällt schwer – zu tief sind die Wunden, die das Morden gerissen hat. Und doch machen Christen und Muslime sich dort gemeinsam auf diesen schwierigen Weg. Sie sind so frei. . .

Wir sind so frei, die Gesellschaft mitzugestalten. Nein, wir wollen nicht die „Bestimmer“ sein und andere bevormunden. Aber Christenmenschen sind frei, sich einzubringen und zu enga-gieren, damit die Welt gerechter und friedlicher wird, damit Gottes Schöpfung nicht vor die Hunde geht. Christenmenschen sind frei, ihre Stimme zu erheben mit denen, die am Rande stehen, ausgegrenzt werden, sich selber ins Abseits stellen; mit denen, die man gern so schnell wie möglich wieder los würde oder noch lieber gleich im Mittelmeer ertrinken ließe. Chris-tenmenschen sind frei, genauer hinzusehen, tiefer zu fragen und zu warnen vor Alternativen, die keine sind. Christenmenschen sind frei, einzutreten für die Achtung der Menschenrechte.

Wir sind so frei, Tradition und Gesetze in Frage zu stellen. Für viele unserer Geschwister in der weltweiten Christenheit bedeutet das vor allem den Kampf gegen die Unterdrückung und für die Rechte der Frauen. Ja, diesen Kampf unterstützen wir. Aber welche Traditionen, wel-che ungeschriebenen Gesetze hier bei uns sind eigentlich fragwürdig? Vielleicht das Gesetz des „Was hab ich davon“ (Probier es aus – sonst erfährst du es nie!)? Oder das Gesetz des „Immer mehr“ (Wie lange hält die Erde das noch aus?)? Oder auch das Gesetz des „Das muss jeder selber wissen“ (Natürlich muss er das – aber ein Blick auch auf die anderen schärft das Gewissen und weitet den Horizont)?

Daran und an manches andere muss ich denken, wenn ich den Monatsspruch für Oktober lee und dann auf den Kalender an meiner Wand blicke. Wir sind so frei. . .

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