Ein Anruf kurz vor dem Dunkelwerden: Ob ich noch am selben Abend zu einer Aussegnung ins Altenheim kommen könne – eine Bewohnerin ist verstorben. Als ich ankomme, liegt sie im Sarg – friedlich, als wenn sie schläft, wie die meisten Toten übrigens. Kerzen sorgen für eine ruhige und würdevolle Stimmung, die vielleicht beim Abschiednehmen hilft. Und dann versammeln sich nicht nur die Angehörigen um den Sarg, sondern auch Bewohnerinnen, Bewoh¬ner und Mitarbeiterinnen des Heims. Menschen, die zusammen mit der Verstorbenen in der Pflegeein¬richtung gelebt oder mit ihr gearbeitet haben, nehmen gemeinsam mit der Fami¬lie Abschied.

Ich habe diese Aussegnung als besonders „schön“ in Erinnerung, obwohl ich selber an diesem Abend nichts Anderes gesagt und getan habe als bei anderen Aussegnungen auch. Ich fand es gut und angemessen, dass der Tod nicht verheimlicht und versteckt wurde. Dass die anderen Bewohnerinnen und Bewohner am nächsten Morgen nicht rätseln mussten: „Wo ist sie denn geblieben?“ Es war offenkundig: Eine von uns ist gestorben. Und alle – Angehörige, Bewohnerin¬nen und Bewohner, Mitarbeiterinnen – konnten sie noch einmal ansehen, sich verabschieden, weinen und sich an miteinander Erlebtes erinnern.

Nicht immer ist das möglich. Oft wird der Tod – wenn er näher rückt oder wenn er eingetre-ten ist – verschwiegen, versteckt oder beschönigend umschrieben. Ich kann das verstehen: Dass auch ich einmal sterben muss, dass mein Leben begrenzt und endlich ist – diesen Gedan-ken finde ich unangenehm, störend, beklemmend. Vielleicht wird sich das ändern, wenn ich einmal sehr alt oder todkrank sein sollte; aber im Moment ist es so: An den Tod – vor allem an meinen eigenen – denke ich nicht gern. Also kann ich alle verstehen, die ebenfalls nicht gern daran denken oder davon reden.

Das ändert aber nichts daran, dass der Tod ebenso zu meinem Leben gehört wie die Geburt. Und wenn ich es wage, genau hinzuschauen, dann sehe ich: Die fröhlichsten, dankbarsten Menschen, die das Leben wirklich zu genießen wissen, sind oft diejenigen, die um den Gedan¬ken an den Tod keinen Bogen machen, sondern ihm Raum geben in ihrem Denken und Fühlen.

Mehr noch: Nur wenn ich den Tod als Teil meines Lebens annehme, kann ich mich ja wirk¬lich freuen über das, was der Monatsspruch für November sagt. Oder einfacher mit den Wor¬ten eines alten Mannes ausgedrückt: „In den Himmel kommen wollen sie alle – aber sterben will niemand.“ Stimmt – wenn ich zu den Bewohnern des neuen Jerusalem gehören will, muss ich auch bereit sein zu sterben. Jesus geht mir dabei voran. Jesus ist dem Tod nicht ausgewi¬chen, obwohl es in seinem Fall ein viel zu früher und gewaltsamer Tod war. Aber der Tod konnte ihn nicht festhalten. Und jetzt – so stellt der Seher Johannes sich das wohl vor – öffnet Jesus uns die Tore zu „seiner“ Stadt und lädt uns ein zum himmlischen Hochzeitsfest – das ist eines der Bilder, in denen das Neue Testa¬ment vom ewigen Leben spricht. Nicht nur für mich ist gesorgt, wenn ich sterbe, sagt dieses Bild vom neuen Jerusalem; sondern die ganze Schöpfung wird neu. So stimmt Johannes ein in den vielstimmigen Chor, der davon singt: Jesus entmachtet den Tod; das Leben siegt! Darum brauche ich vor dem Tod keine Angst zu haben.

Keine Angst vor dem Tod haben – das sagt sich so einfach und fällt doch so schwer. Aber der Blick auf Worte wie den Monatsspruch hilft mir, beim Blick auf die Realität des Todes die Angst abzulegen – und mich um so mehr zu freuen an dem Leben, das Gott mir geschenkt hat.

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