Herbst 2020: Ein Spaziergang mit Kolleginnen und Kollegen. Von Lemförde aus durch Wie­sen und Felder und schließlich zum jüdischen Friedhof in Quernheim.

Wo die Grabsteine Geschichte und Geschichten erzählen: Mehrere Jahrhunderte alt, in hebräi­scher Schrift und Sprache. Aber auch aus jüngerer Vergangenheit, beschriftet in lateinischen Lettern und auf Deutsch. Da liegt einer begraben, der eng mit Karl Marx befreundet war. Und dort einer, der im Ersten Weltkrieg für Deutschlands Kaiser gekämpft hat und umgekommen ist. Frauen und Männer liegen hier begraben, zu früh gestorben oder alt und lebenssatt. Und Kinder. Geschichten, wie Grabsteine sie eben erzählen.

Die Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof erzählen noch eine andere Geschichte: Seit etwa 80 Jahren sind keine neuen mehr hinzugekommen. Mit der Verfolgung und Ermordung jüdi­scher Menschen durch die Nazis scheint an vielen Orten die Geschichte der jüdischen Ge­meinden abgebrochen.

Daran muss ich denken, wenn ich den Monatsspruch für März lese: Jesus kommt nach Jerusalem, reitend auf einem Esel. Viele sehen in ihm den neuen König, der Frieden bringt. Sie jubeln ihm zu. Bei anderen weckt das Misstrauen: Da bahnt sich Unruhe an, Umsturz wo­möglich. Jesus soll die Menge zum Schweigen bringen, fordern sie. Die Antwort Jesu kennen wir.

Und wissen, wie die Geschichte weitergeht: Sie führt Jesus nicht auf den Königsthron, son­dern ans Kreuz. Sie stürzt seine Jüngerinnen und Jünger am Karfreitag aus dem Jubel in tiefe Trauer – sie, die mit ihm unterwegs gewesen sind, um von ihm zu lernen. Und ab dem Oster­morgen aus der Trauer in zunächst ungläubiges Staunen, zu Freude und neuer Hoffnung.

Diese Geschichte lässt sich nicht totschweigen – wer das versucht, wird auf das Schreien der Steine hören müssen. Die Shoah, die Ermordung von sechs Millionen jüdischen Menschen in Europa, gehört zu unserer deutschen Geschichte – das lässt sich nicht totschweigen. Der Ver­such, Europa zur Festung zu machen, während Menschen auf der Flucht im Mittelmeer ertrin­ken oder in Lagern unter unwürdigen Bedingungen ausharren müssen – das gehört zu unserer europäischen Wirklichkeit und lässt sich nicht totschweigen. Das Kreuz vom Karfreitag lässt sich nicht totschweigen.

Aber das leere Grab vom Ostermorgen auch nicht. Menschen, die hinausfahren aufs Meer, um die in den Schlauchbooten zu retten – ihr Einsatz lässt sich nicht totschweigen. So viele setzen sich ein, damit das Leben weitergehen kann auch in der Pandemie, damit Menschen genesen und vor Ansteckung geschützt werden, damit niemand allein bleibt – ihre Mühe lässt sich nicht totschweigen. Nicht nur jüdische Friedhöfe wie der in Quernheim werden liebevoll ge­pflegt, sondern jüdische Gemeinden und ihre Menschen sind schon lange wieder auch in Deutschland zu Hause – das darf ebenso wenig totgeschwiegen werden wie die Anfeindun­gen, denen sie ausgesetzt sind.

Nicht totzuschweigen und nicht totzukriegen ist schließlich das, wofür der Rabbi Jesus aus Nazareth steht, als Kind in der Krippe, als Mann auf dem Esel und am Kreuz, als Auferstan­dener: Gottes bedingungslose Liebe zu seiner Schöpfung und zu allen Menschen; Gottes Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Frieden. Und Hoffnung über den Tod hinaus.

Damit gehe ich in diesen Frühling 2021. Und denke: Auch der jüdische Friedhof hier in Wagenfeld und seine Grabsteine haben mehr verdient als den flüchtigen Blick, den ich ihnen bisher gegönnt habe.