Allmählich werden die Tage wieder länger: Wenn ich morgens vom Schwimmen nach Hause komme, ist es schon fast hell; und erst am späten Nachmittag beginnt es wieder zu dämmern. Da fällt das frühe Aufstehen etwas leichter; da bin ich zum Abend hin länger wach – oder fühle mich wenigstens so.

Keine Frage: Wer wach ist, kommt besser durch den Tag. Wer wach ist, kann sich besser konzentrieren und ist aufmerksamer. Wer wach ist, fühlt sich den Aufgaben im Beruf, in der Schule, in der Familie besser gewachsen.

Wer wach sein will, muss ausgeruht sein. Am Tag merke ich, ob ich am Abend vorher rechtzeitig schlafen gegangen bin. Am Tag merke ich, ob ich in der Nacht wirklich ruhig geschlafen habe. Und wenn mir nach dem Mittagessen etwas Zeit für ein Nickerchen gegönnt war, komme ich besser durch den Nachmittag.

Nun gibt es Menschen, die nicht jede Nacht ruhig schlafen können. Weil ihnen  etwas auf der Seele liegt, das sie nicht ruhen lässt. Das kann die Vorfreude auf etwas Schönes sein: Eine Reise, ein Fest, die Geburt eines Kindes. Oft aber ist es eine Last: Angst vor einer Prüfung, vor einer ärztlichen Untersuchung oder einfach vor dem nächsten Tag; Sorge um Menschen in der Nähe oder weit weg. Andere Menschen müssen nachts wach sein, weil wir auf ihre Wachsamkeit, auf ihren nächtlichen Dienst angewiesen sind: Arbeiterinnen und Arbeiter an den Maschinen; Bäckerinnen und Zeitungsausträger; Ärztinnen und Pfleger;  Polizistinnen und Feuerwehrleute, die sich für unsere Sicherheit die Nacht um die Ohren schlagen – in früheren Jahrhunderten hießen sie „Nachtwächter“.

An solche Menschen, an Nachtwächter denkt Jesus, wenn er seine Jünger auffordert: „Wachet! Bleibt wach!“ Der Evangelist Markus erzählt, dass Jesus diese Aufgabe zunächst nur einigen wenigen zumutet, nur vieren aus dem Kreis seiner zwölf engsten Freunde. Jesus spricht vom Ende der Zeit; von seiner Rückkehr; davon, wie es sein wird, wenn Gottes Reich endgültig da ist. Barmherzigkeit, Gerechtigkeit, Liebe, Frieden – daran denke ich gern, wenn ich mir das vorstelle. Jesus aber ist Realist: Bevor es so weit ist, werden viele Dinge geschehen, die uns erschrecken und Angst machen – zu vergleichen vielleicht mit Geburtswehen. Und diese Dinge erfordern Wachsamkeit nicht nur von jenen vier Fischern vom See Genezareth, sondern von allen Jüngerinnen und Jüngern Jesu – auch 2000 Jahre später.

Das soll uns nun nicht Nacht für Nacht den Schlaf rauben. Aber es soll uns wach und aufmerksam machen für das, was um uns herum geschieht: Für die Ungerechtigkeit und den Unfrieden in der Welt; für die Bedrohung, der wir den Planeten Erde – Gottes Schöpfung – aussetzen; für die Not unseres Mitmenschen – ob er nebenan wohnt und die gleiche Sprache spricht wie ich oder ob er in einem Schlauchboot ums Überleben kämpft. Wach und aufmerksam sollen wir bleiben und Zeichen setzen dessen, was kommen will:  Barmherzigkeit, Gerechtigkeit, Liebe, Frieden.

Ja, das wird uns wohl auch die eine oder andere durchwachte Nacht kosten. Und doch will Gott auch, dass wir ausruhen und Kräfte sammeln, um dann wieder hellwach zu sein, wenn wir gebraucht werden als Botinnen und Boten von Gottes Liebe. Dass Gott selber der Nachtwächter sein will, damit das möglich ist – davon spricht schon der 121. Psalm: „Der Hüter Israels schläft und schlummert nicht.“