Die Situation ist schon ein bisschen kurios: Petrus und die anderen Apostel stehen vor Gericht – angeklagt im Namen genau des Gottes, von dem sie öffentlich geredet haben: Israels Gott, den Jesus „Vater“ genannt hat. „Jesus ist der Christus, der Messias, den unser Gott verheißen hat“, sagen die Apostel. „Das dürft ihr nicht predigen“, sagen ihre Ankläger. „Haltet einfach den Mund davon, dann passiert euch nichts.“ „Das können wir aber nicht verschweigen“, er-widert Petrus, „denn man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ Ein Grundsatz, den vermutlich auch seine Ankläger unterschreiben könnten – nur dass sie ihn ganz anders verste-hen.

„Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ Darauf berufen sich Extremisten und Fundamentalisten in allen Religionen bis heute, wenn sie anders Denkende, anders Glau-bende, anders Lebende verleumden, angreifen und töten. Wie sehr sie damit im Irrtum sind, erkenne ich erst, wenn ich genau hinsehe und frage: Wer ist dieser Gott? Im Neuen Testament wird diese Frage eindeutig beantwortet: „Gott ist die Liebe“. Die Liebe, die den barmherzigen Samariter erschauern lässt, als er den Verletzten sieht, und ihn zur Hilfe treibt. Die Liebe, die Jesus den Weg ins Leiden und ans Kreuz gehen und ihn dort um Vergebung für seine Peiniger bitten lässt. Auf diese Liebe, auf diesen Gott beruft sich zu Unrecht, wer Lieblosigkeit und Gewalt predigt oder gar ausübt.

„Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“. Mit Recht haben sich darauf in der Zeit der Naziherrschaft Menschen berufen, die den Kriegsdienst verweigert, ihre jüdischen Nach-barn versteckt oder auf andere Weise Widerstand gegen Hitler geleistet haben. Viele davon haben mit ihrem Leben bezahlt.

„Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“. Mit Recht berufen sich darauf Men-schen, die in Organisationen wie amnesty international oder Pro Asyl für die Menschenrechte eintreten. Nicht überall dürfen sie das so ungehindert tun wie in unserem Land.

„Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ Mit Recht berufen sich darauf Men-schen, die andere vor dem Ertrinken im Mittelmeer retten. Es ist lieblos und schäbig, diese Samariter von heute der Kumpanei mit Kriminellen zu bezichtigen.

„Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ Mit Recht berufen sich darauf Men-schen unter uns, die Neuankömmlinge freundlich aufnehmen, ihnen zur Seite stehen bei Arzt-besuchen und Behördengängen; die ihnen helfen, unsere Sprache zu lernen und unsere Kultur kennen zu lernen. Sie lernen selber dabei viel über die Kultur anderer Länder.

„Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ Es gibt viele Möglichkeiten, das zu tun: Der Lieblosigkeit und der Gewalt, die sich gern so breit machen, entgegenzutreten im Neh¬men des Gottes, von dem schon Petrus und die anderen Apostel gepredigt haben. Des Gottes, den Jesus „Vater“ genannt hat. Des Gottes, dessen Liebe in ihm – in Jesus – Mensch wurde.

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