Gelb leuchtende Rapsfelder – Kirschblütenblätter, die wie Schnee durch die Luft wirbeln – weißblühende Kastanienbäume, deren Blüten wie kleine Pyramiden oder Kerzen zwischen den grünen Blättern leuchten – duftender Flieder – strahlender Sonnenschein, … „Wie wunderschön ist doch, Gott, deine Welt!“, denke ich. Gewiss wird sich diese farbige Frühlingspracht gewandelt haben, wenn Sie den Gemeindebrief lesen. Doch dann werden andere Schönheiten zu entdecken sein. Schauen Sie sich um! In der Natur können wir zauberhafte „Kleider Gottes“ entdecken. Doch manchmal genügt uns das nicht. Dann möchten wir noch mehr von Gott sehen, sein Wesen erkennen, ihn als Gegenüber erleben; sicherer sein, dass es ihn, den großen, oft so rätselhaften Gott wirklich gibt. In der Bibel wird davon erzählt, wie Mose, der sein Volk aus der ägyptischen Gefangenschaft führen konnte, so nach Gott gesucht und gefragt hat. Selbst Mose, der oft mit Gott im Gespräch war; der die Gebote von ihm empfing und ihm offensichtlich ganz nahe war; selbst Mose sehnt sich nach einer noch größeren Sicherheit im Glauben – ja, nach einer klaren Erkenntnis Gottes. Und so bittet er: „Lass mich deine Herrlichkeit sehen, Gott!“ Doch Gott kann ihm diesen Wunsch nicht erfüllen. Seine Antwort lautet: „Ich will meine ganze Schönheit vor dir vorüberziehen lassen und den Namen des Herrn vor dir ausrufen. Ich gewähre Gnade, wem ich will, und schenke Erbarmen, wem ich will.“ (2. Mose 33,19; Monatsspruch Juli 2016). Mose wird enttäuscht gewesen sein – so wie auch wir manchmal enttäuscht von Gott sind. Warum lässt er zu, dass ein junger Familienvater sterben muss? Trifft Gott seine Entscheidungen nach „Lust und Laune“ oder sind wir ihm egal? Wieso haben manche Menschen so wenig Mitgefühl und eine so große Lust, zu zerstören? Hätte Gott uns Menschen nicht wenigstens „etwas“ besser machen können? Oder wollte er das vielleicht gar nicht? Mose will es wissen: „Lass mich deine Herrlichkeit sehen!“ Aber Gott ist nicht zu fassen. Jedenfalls nicht so direkt und unmittelbar. Immerhin macht Gott Mose ein Angebot: Während Mose in einer Felsspalte steht, will Gott mit seiner Schönheit an ihm vorbei ziehen. Er wird seine Hand über Mose halten und ihn schützen, bis er vorbei gegangen ist. Erst dann darf Mose hinter Gott her sehen. Mose hat also das „Nachsehen“. Das ist allerdings kein Verlust, sondern ein Schutz: Würde Mose Gott ins Angesicht schauen, wäre er bereits bei den Toten. Diese Geschichte enthält eine tiefe Wahrheit: Kein Mensch kann Gott direkt sehen – dann wäre er wie Gott. Doch so wie Mose erst im Nachhinein erkennt, dass Gott es war, der da in seiner Herrlichkeit an ihm vorüber gegangen ist, so erkennen auch wir oft erst rückblickend wann und wie Gott bei uns war – unsichtbar, aber ganz nah. Diese Erfahrungen sind nicht einklagbar oder berechenbar – sie sind eben Gnade und Erbarmen. Ich kann sie nicht herstellen, selbst wenn ich intensiv darum bitte. Diese Erfahrung irritiert heute wohl noch stärker als damals zu Zeiten des Mose. Wir leben mit einem Gefühl von: „Alles ist machbar, man muss es nur wollen“. Technologisch und medizinisch sind so große Fortschritte erzielt worden – also muss es doch für jeden Menschen ein langes, sorgenfreies Leben geben. Gleichzeitig wissen wir, dass wir keineswegs über alles verfügen können und uns schon die reichhaltigen Möglichkeiten unter Druck setzen. Welche Entscheidung ist richtig? Was gilt? Wo ist der richtige Weg für mein Leben? Wie soll mein Alltag aussehen? Welchen Beruf will ich ausüben? Will ich wirklich mit diesem Menschen mein ganzes Leben teilen – schön wär´s ja, aber …. vielleicht ist es mit einer anderen ja irgendwann noch besser…? So viele Möglichkeiten haben wir heute … einerseits – doch andererseits eben auch nicht. Denn wir sind Menschen, die nicht nur etwas machen, etwas leisten können, sondern ebenso Menschen, die darauf angewiesen sind, dass ihnen etwas geschenkt wird. Über ein Geschenk kann ich nicht verfügen – es bleibt Gnade. So sehr ich es schätze, ungefähr zu wissen, welchen Wert ein Geschenk so haben sollte, wenn z.B. ein Null-Geburtstag ansteht, so sehr weiß ich auch: Die wirklich erfreuenden Geschenke sind Gnade. Jemand gibt mir etwas, dem ich noch nie etwas geschenkt habe – jedenfalls nicht bewusst. Eine andere lädt mich ein – einfach so – ohne eine Gegeneinladung zu erwarten. Ich kann sehen, hören, reden, denken, lachen, arbeiten, feiern,… All das ist mir geschenkt – aus Gottes Gnade. Gewiss erlebe ich auch so manches, das ich „lieber nicht geschenkt haben möchte“. Trotzdem muss ich es annehmen. Welchen Sinn es hat, entdecke ich oft erst später; erst dann, wenn ich zurück schaue – wie Mose.

Einen Blick für all das, was Ihnen / Dir geschenkt wird,
einen sonnigen, erfrischenden Sommer
und die Erfahrung von Gottes Gnade und Erbarmen wünscht Ihnen / Euch
Ihre Edith Steinmeyer

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