Manchmal stehen sie in der Fußgängerzone oder auch vor der Haustür. Menschen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, dies zu verkünden: „Das Himmelreich ist nahe.“ Sie sagen es allen, die es hören wollen – und auch denen, die es nicht hören wollen. Ungefragt. Ungebeten. Die meisten von uns belächeln sie. Manche von uns ärgern sich über sie. Ich auch. Mal lächle ich; mal ärgere ich mich. Schüttle den Kopf und denke: „Ein bisschen verrückt muss man schon sein, um das zu tun.“

Obwohl genau das ja der Auftrag ist, den Jesus seinen Jüngerinnen und Jüngern gibt: „Geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe.“ Und ich weiß doch: Wo in den Evangelien von den Jüngerinnen und Jüngern die Rede ist, da sind die Menschen in den Gemeinden gemeint. Die Christenmenschen. Also du. Und ich. Dir und mir gibt Jesus diesen Auftrag: „Geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe.“

Also doch: Ab in die Fußgängerzone und an die Haustüren? Nicht unbedingt. Das mehr oder weniger öffentliche Predigen liegt ja auch längst nicht jedem – viele sind wahrscheinlich froh, dass es Menschen wie uns Pfarrersleute gibt, die diese Aufgabe übernommen haben. Und doch bin ich überzeugt: Verkünden, dass das Himmelreich nahe ist, kann und soll jeder Christenmensch. Im Alltag. Unaufdringlich. Und ohne drohenden Unterton, wie er bei den selbsternannten Propheten in der Fußgängerzone und an der Haustür leider allzu oft anzutref­fen ist.

„Geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe.“ Mit Worten: Mit einer freundlichen Ant­wort an die, die grummeln, dass ja doch alles immer schlimmer wird und den Bach runter­geht; und dass „die da oben“ ja doch machen, was sie wollen. „Übrigens, hast du schon ge­hört? Das Himmelreich ist nahe!“ Nein, so würde ich das wahrscheinlich nicht ausdrücken. Aber vielleicht so: „Der da oben hat noch was mit uns vor. Und zwar was Gutes. Blick auf und sieh, wo Himmel und Erde sich berühren.“ Nein, auch „der da oben“ würde ich Gott nicht unbedingt nennen, schon um Jesu willen nicht; denn der ist schließlich den Weg nach ganz unten gegangen. Aber die Richtung ist klar, oder?

„Geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe.“ Mit Taten: Mit Zuwendung zu denen, deren Leben die Hölle ist. Mit „Willkommen“ statt „Was wollt ihr hier?“ Mit Offenheit statt Miss­trauen. Mit Großmut statt Geiz. Mit Herzlichkeit statt Hass. Mit Humor statt Hetze. Mit Güte statt Gewalt. Ja, ich weiß: Das kann schiefgehen. Denn das Himmelreich ist zwar nahe (und manchmal kann ich die verstehen, die nicht einmal das glauben mögen). Aber es ist noch nicht da. Dass es aber nahe ist, will ich mir nicht ausreden lassen. Und will das verkünden – indem ich jeden Tag wenigstens ein bisschen so lebe, als wäre es doch schon da. Das Him­melreich. Auch dazu muss man wahrscheinlich ein bisschen verrückt sein. Aber wer weiß: Womöglich sind diese Momente der Verrücktheit gerade die, in denen Gott mich zurecht­rückt, mich wieder aus­richtet auf das, worauf es wirklich ankommt.

Mal sehen: Wenn ich demnächst so einen selbsternannten Propheten bei brennender Sonne in der Fußgängerzone stehen sehe – vielleicht spendiere ich ihm ein Eis. Und wenn sie bei mir vor der Haustür stehen, bekommen sie zwar nicht meine Seele, aber wenigstens einen Kaffee. Schließlich sollen auch diese Menschen, die wir oft belächeln oder über die wir uns ärgern, es spüren: Das Himmelreich ist nahe. Oder?