„Der liebe Gott“ – viele Menschen spüren Unbehagen, wenn sie das lesen oder hören. Ich auch. Nein, Gott ist längst nicht immer „lieb“ zu uns; das Leben – für die, die sich schwer damit tun, von „Gott“ zu sprechen – ist nicht immer „lieb“ zu uns; wir Menschen sind nicht immer „lieb“ zueinander.

Und doch glaube ich, dass er recht hat, der Unbekannte, der den Ersten Johannesbrief ge-schrieben hat: „Gott ist Liebe.“ Warum sonst hätte Gott diese Welt, warum sonst hätte Gott dich und mich ins Leben rufen sollen, wenn nicht aus Liebe? Warum sonst hätte Gott Mensch werden sollen in der Person des jüdischen Rabbi Jesus aus Nazareth, wenn nicht aus Liebe? Warum sonst hätte Jesus den Abgrund von Leiden und Tod durchreiten sollen, den das Leben uns zumutet und den wir einander allzu oft bereiten, wenn nicht aus Liebe? Warum sonst hätte Gott ihn aus der Macht des Todes befreien sollen, wenn nicht aus Liebe?

„Gott ist Liebe“. Liebe zu dir und zu mir auch dann, wenn wir gerade nicht „lieb“, wenn wir gerade gar nicht liebenswert sind. Gott ist Liebe sogar für die, die sich von ihm abgewandt haben, sich gegen ihn stellen, nichts von ihm wissen oder nichts von ihm wissen wollen. Gott sei Dank! Wer von uns kann das schon: So ganz und gar Liebe sein? Und wer von uns wäre nicht immer wieder darauf angewiesen, dass Gott nicht nur liebt, sondern Liebe übt?

„Wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott in ihm“, fährt der Erste Johannesbrief fort. Wer in der Liebe „bleiben“ kann, ist doch schon darin – du und ich all unserer Lieblosigkeit zum Trotz. Und wer dort bleibt, bleibt „in Gott“, also mit Gott verbunden. Womöglich „ge-nügt“ sogar schon die Sehnsucht danach, in der Liebe zu bleiben, um mit Gott in Verbindung zu bleiben.

In der Liebe bleiben – das ist etwas anderes als „lieb“ sein. Liebe muss gelegentlich deutliche Worte finden, die auch wehtun können; Liebe muss auch mal „Nein“ sagen und enttäuschen. Eins aber muss Liebe immer wieder tun – und das ist das mindeste, was wir tun können, wenn wir in der Liebe bleiben wollen: Der Lieblosigkeit widerstehen; dem Hass, mit dem heute an vielen Stellen über Menschen geredet wird. Wer in der Liebe bleiben will, wird sich genau überlegen: Wie rede ich über Menschen, die mir fremd sind, die anders sprechen, anders den-ken, anders glauben, anders essen, anders leben, anders „ticken“ als ich? Wie rede ich über Menschen, die es mir schwer machen, die sich selber völlig verrannt haben in Gewalt und Lieblosigkeit? Wer in der Liebe bleiben will, wird sich um eine Sprache bemühen, die erken-nen lässt: Gottes Liebe gilt allen – ausnahmslos. Ja, das fällt manchmal schwer. Und manche reden dann verächtlich von „politischer Korrektheit“. Aber wer sich dieser Mühe verweigert, läuft Gefahr, aus der Liebe herauszudriften und damit die Verbindung zu Gott zu verlieren.- Und wer will das schon: Die Verbindung zu dem Gott verlieren, der Liebe ist?

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