„Sie werden mich vielleicht für verrückt halten“, sagt die Frau, die seit ein paar Jahren Witwe ist, „aber wenn ich am Grab meines Mannes stehe oder frische Blumen darauf pflanze, dann ist es, als ob er da wäre – und dann erzähle ich ihm, was ich in den Tagen vorher erlebt habe und was mich beschäftigt.“ „Warum sollte ich Sie deswegen für verrückt halten?“ frage ich und meine die Frage ernst. Denn warum sollte die liebevolle Verbindung zu einem Menschen im Moment des Todes abreißen? Natürlich: Die Verstorbenen sind nicht mehr auf die Weise bei uns, wie wir es gewohnt sind. Der Platz am Tisch oder auf dem Sofa bleibt leer. Aber was uns miteinander verbunden hat – das bleibt. Was uns zu Lebzeiten voneinander getrennt hat, übrigens auch. Und wo das sehr mächtig ist, kann es auch belastend sein, wenn da jemand über den Tod hinaus im eigenen Leben „herumspukt“.

Den meisten Trauernden aber geht es so wie jener Witwe: An bestimmten Orten oder zu be­stimmten Zeiten fühlen sie sich ihren Verstorbenen besonders nahe; und das tut ihnen gut. Es soll ja sogar den Witwer geben, der sich vor der erneuten Heirat das „Okay“ seiner verstorbe­nen Frau einholt.

„Ich bin bei euch“, verspricht Jesus seinen Jüngerinnen und Jüngern. Ein Versprechen, das umso schwerer wiegt, als sie jetzt zum zweiten Mal von ihm Abschied nehmen müssen. Beim ersten Mal haben sie miterleben müssen, wie er mitten in der Nacht festgenommen wurde. Aus der Nähe oder von weitem haben sie zusehen müssen, wie er am Kreuz starb. Und dann, am Ostermorgen, kommen ein paar Jüngerinnen vom leeren Grab zurück mit dem Ruf: „Er lebt! Er ist wahrhaftig auferstanden!“ Der Tod konnte Jesus nicht länger festhalten. Der Tod ist besiegt; er hat nicht mehr das letzte Wort.

Es fällt ihnen und es fällt uns bis heute schwer, das zu glauben, darauf zu vertrauen. Aber dann begegnen sie ihm selber. „Jetzt wird alles wie früher“, denken manche von ihnen, „jetzt bleibt er für immer!“ Und genau das verspricht ihnen Jesus ja auch – aber er meint es anders, als sie denken. Als Mensch, den sie sehen und anfassen können, muss er zum zweiten Mal gehen – zurück zu Gott, den er sie liebevoll „Abba, lieber Vater“ nennen gelehrt hat. Seine Nähe ist ab jetzt wie die, die wir auf dem Friedhof oder anderswo zu unseren Verstorbenen spüren. Aber er hinterlässt Spuren: Das Wasser der Taufe; das Brot und den Saft der Trauben beim Abendmahl. Und er verspricht seinen Jüngerinnen und Jüngern – also uns – da zu sein nicht nur bis ans Ende unseres Lebens, sondern bis ans Ende der Welt.

Wann und wo immer wir uns unseren Verstorbenen besonders nahe fühlen: Es ist ein Vorge­schmack auf das Wiedersehen bei Gottes großem Festmahl. Auf das Wiedersehen, das wohl­tuend ist auch für die, die sich hier auf der Erde schwer miteinander getan haben. Auf das Wiedersehen, dem kein Abschied mehr folgt. Es gibt Menschen, die es für verrückt halten, auf dieses Wiedersehen zu hoffen. Na gut, dann lasst uns eben vor Hoffnung verrückt sein – und gerade deshalb schon hier und jetzt wieder geraderücken, was schief ist im Umgang mit­einander. Im Vertrauen auf das Versprechen, das Jesus gegeben hat.