Gutes haben sie im Sinn, die Jüngerinnen Jesu – jede Kritik daran wäre verfehlt: Sie wollen ihrem Rabbi einen letzten Liebesdienst erweisen – wie es üblich ist, vielleicht sogar über die Grenzen des Üblichen hinaus. Schon am Freitag, am Tag seiner Kreuzigung, haben sie wohl­riechende Öle und Salben hergestellt, so erzählt es der Evangelist Lukas. Dann aber haben sie den Sabbat, den Ruhetag, gehalten – wie es die Thora, Gottes Weisung, vorgibt. Jetzt, am ers­ten Tag der Woche, machen sie sich frühmorgens auf den Weg zum Grab. Sie wollen den Leichnam Jesu einbalsamieren, ihn vorbereiten für sein endgültiges Begräbnis.

Zu ihrem großen Kummer aber finden sie ihn nicht. Stattdessen begegnen ihnen zwei Männer in glänzenden Kleidern, die wir wohl getrost als „Engel“ bezeichnen dürfen. Diese beiden konfrontieren die Frauen mit der Frage, die in diesem Jahr als Monatsspruch für den Oster­monat April ausgewählt worden ist: „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?“ Und als gelte es alle Spekulationen abzuwehren, was da denn passiert sein könnte, fügen sie sofort hinzu: „Er ist nicht hier, er ist auferstanden.“

Spekulationen darüber, was „wirklich“ passiert ist nach der Kreuzigung Jesu, gibt es bis heute. War das Grab voll oder leer? Ist Jesus womöglich am Kreuz gar nicht wirklich gestor­ben? Wurde sein Leichnam vielleicht einfach gestohlen? Je älter ich werde, desto mehr merke ich: Solche Überlegungen helfen weder mir noch meinem Glauben, meinem Vertrauen auf Gott. Was mir hilft, ist das, was die Osterboten den Jüngerinnen sagen: Er ist nicht hier! Der Tod hat nicht das letzte Wort! Denn Gottes Liebe ist stärker als alle Todesmächte!

Das feiern wir – als Christenmenschen in unserer Gemeinde am Ort und in der Gemeinschaft der weltweiten Christenheit. Das feiern wir zu Ostern. Und jede Woche am Sonntag. Dem ersten Tag der Woche. Für uns wird jeder Sonntag des Jahres zu einem kleinen Osterfest. Zum Fest der neuen Schöpfung. Am siebten Tag hat Gott geruht, so erzählt es eine der Schöp­fungsgeschichten auf den ersten Seiten der Bibel. Darum ist für unsere jüdischen Glaubensge­schwister bis heute der siebte Tag der Woche der Fest- und Ruhetag: Der Sabbat, unser Sonnabend. Auch die Jüngerinnen und Jünger Jesu haben daran zunächst festgehalten – auch über seinen Tod und das erste Ostern hinaus. Irgendwann aber hat sich der Gedanke durchge­setzt: Mit Ostern, mit der Botschaft der beiden Männer an die Jüngerinnen, beginnt die neue Schöpfung. So wurde für uns, die wir uns Christinnen und Christen nennen, der erste Tag der Woche zum Fest- und Ruhetag: Der Sonntag.

So ist es bis heute: Jedes Jahr feiern wir ein großes Osterfest. Und jeden Sonntag ein kleines. Und wenn wir das tun, was die Jüngerinnen am Ostermorgen tun wollten; wenn wir die Erin­nerung an unsere Verstorbenen liebevoll gestalten, dann steht das für uns unter dem Vorzei­chen, dass das Grab nicht die Endstation ist. Denn der Tod hat nicht das letzte Wort! Gottes Liebe ist stärker als alle Todesmächte!

Ich wünsche uns allen ein gesegnetes Osterfest, das uns darin stärkt, „Protestleute gegen den Tod“ zu sein.

Michael Steinmeyer

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