„Wie finde ich einen gnädigen Gott?“ Hätte es ohne diese Frage das gegeben, was wir heute die Reformation nennen? Ohne diese Frage, die den jungen Mönch Martin Luther gequält, die ihm den Schlaf geraubt hat? Eine Frage, die vielen heute, 500 Jahre später, überholt erscheint. Aber ich brauche die Frage nur etwas anders zu stellen – und schon ist sie hochaktuell: Wie schaffe ich es, dass mein Leben etwas gilt, dass ich Anerkennung finde – vor mir selber, vor anderen Menschen und, wenn ich an Gott glaube, vor Gott?

Eben: Wie schaffe ich es? Genau das hat Martin Luther versucht: Es zu schaffen. Noch mehr gebetet. Noch mehr gefastet. Noch mehr gute Werke getan. Er hat versucht, es zu schaffen durch noch mehr Leistung. Fromme Leistung in seinem Fall. „Selbstoptimierung“ heißt das heute – längst nicht für alle, aber für manche eben auch Selbstoptimierung in Sachen Glau¬ben. Nicht wenige zerbrechen daran, wenn sie merken: Das kann ich gar nicht schaffen; denn so gut ich es auch mache – es geht immer noch besser. Auch Martin Luther wäre daran fast zerbrochen.

Beim aufmerksamen und regelmäßigen Lesen in der Bibel jedoch hat er begriffen: Den gnä-digen Gott kann und muss ich mir nicht erarbeiten oder verdienen. Den habe ich längst. Dem bin ich recht, so wie ich bin. Der liebt mich, wie Eltern (hoffentlich) ihr Kind lieben: Vorbe-haltlos. Große Worte kommen da ins Spiel: Gnade. Barmherzigkeit. „Fehlerfreundlichkeit“ heißt das heute.

Gott liebt uns vorbehaltlos – für Martin Luther und für mich macht sich das fest an Jesus aus Nazareth, dem Christus. Dem Kind, das in einer Notunterkunft geboren wurde und mit seinen Eltern als Flüchtling nach Ägypten musste. Dem Mann, der so unvergleichlich von dem lie-benden Gott erzählte und in seinem Namen zu denen ging, die als verloren galten. Der sein Leben hingab und den der Tod nicht festhalten konnte. Aber auch die Worte der Jahreslosung atmen diesen Geist. Worte, gesprochen Jahrhunderte bevor Jesus zur Welt kam. Das neue Herz und den neuen Geist kann und muss ich mir nicht selber machen. Beides schenkt mir der gnädige, der barmherzige, der fehlerfreundliche Gott.

Also weitermachen wie bisher – und der liebe Gott wird’s schon richten? Ja, das wird er – trotzdem gebe ich Tim Bendzko Recht: „Einfach so weitermachen ist keine Option“. Ihr gutes Recht haben sie ja, die guten Vorsätze, deren Hochsaison der Jahreswechsel ist. Solange es darum geht, dies oder jenes anders zu machen – und dann hoffentlich auch besser. Wie das gelingen kann, dafür haben Psychologen alle möglichen Tipps parat. Aber eines kann ich nicht: Mich selber optimieren. Einen anderen oder gar besseren Menschen aus mir machen. Mir den gnädigen Gott erarbeiten oder verdienen. Muss ich auch nicht. Das neue Herz und der neue Geist liegen als Geschenke Gottes mit dem Kind in der Krippe. Neues Herz und neuer Geist: Mitfühlend. Offen. Großzügig. Und vor allem: Barmherzig. Gnädig. Fehlerfreundlich im Umgang mit mir selber und mit anderen. Auch mit Martin Luther übrigens. . .

In diesem Sinne: Ein gesegnetes Reformations-Gedenkjahr 2017!

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